Klaviermeditationen in der OMA – Other Music Academy, Weimar. (18.02.2017)


Unsere Erwartungen wurden an dem Abend übertroffen und im Nachhinein sehe ich, wie sich alles gefügt hat. Wie so viele helfende Bienen-Hände fleißig mitgewirkt haben, um einen Raum zu erschaffen, oder wie Daniel es ausdrückte: to „recreate a space“, in dem Wunder und Heilung – wie sie sagten – möglich wurden. Ein Sprung ins Ungewisse für uns alle, aber die ehrliche Geborgenheit des OMA-Café mit seinen Sitzkissen auf einem alten Teppich zwischen alten Möbeln und der scheinbar nie ausgehenden Flamme des Heizofen schenkten Zuversicht. Johannes am zweiten Klavier startete gekonnt Kurzfilme, die hinter mir über dem zermürbten Flügel gebrochen in der Ecke aufleuchteten und wieder verschwanden. Vom Sommer, Wasser, Fackeln und etwas Rilke. „Habt ihr beide etwa noch nie zusammen gespielt?“ Frage mich Eyal verwundert? Nein, noch nie. Harmonie hatte sich im Raum breit gemacht. So wie die entspannten Körper, die sich in die Sessel tief fallen ließen. Mit offenen Mündern und geschlossenen Augen ließen manche ihre angestaute Anspannung aus sich heraus fließen. Manche aus den Augenwinkeln.

© Foto: Jakob Jurkošek

Sermets Laute – unser Luxus und Geschenk – hörte nicht auf, als wir uns im Kreis wiederfanden und die Runde eröffneten. Eine Frau teilte mit uns ihr Lieblingsgedicht: „Radikale Empathie“ und ihre Stimme zitterte am Ende. Respekt, denn es erfordert Mut und Stärke, verletzlich zu sein. Das Wort machte die Runde. Jeder von uns sagte etwas zu den leisen Lauten-Klängen. Wir sprachen dankbar von unseren Eindrücken, Träumen und Gefühlen. Dann aber war Sermet an der Reihe. „Ihr dachtet, dass das Radio spielt.“ sagte er charmant und gesellte sich zu uns. Er schloss den Kreis so unerwartet wie er anfing: mit einem Gedicht über eine schöne Blume, die er während seiner Klaviermeditation beschrieb. Nicht in seiner Muttersprache – an diesem Tag erst hatte er seinen Deutsch-Test bestanden – aber unglaublich stark, weil großmütig und wahrhaftig. Und ich flüsterte ihm, was ich mit der ersten Silbe genau wusste und was ihn gefreut hatte: Dass Gott durch ihn spricht.

Sermet kam mit einem Schlauchboot nach Europa.
Zeichnung: Eyal Dawidowitch

Das letzte Wort wie ein Kanonenschluss – Damaskus. Und danach Schweigen. Danach Klangschale, um diese Wahrheit ohne Vorwurf zu verarbeiten. Ich sagte dann, was mich seit Langem beschäftigte; Dass  obwohl uns in Deutschland der Bürgerkrieg trotz seiner Entfernung sehr nah ist, wir nicht wissen, wie wir unsere Anteilnahme ausdrücken könnten und sie daher oft verdrängen. Dass sein Gedicht einen Raum öffnete, in dem es möglich wurde, Mitgefühl wieder zu empfinden. Und wir schlossen den Kreis händehaltend, ohne Scham vor Berührung, einfach weil es sich anbot, weil der Moment stärker (als Weimar) war, mit der Intention, dieses Mitgefühl „diesem Thema“ zu widmen. Und als wir uns nach einigen verstrichenen Momenten synchronisierten, sah ich vor meinem inneren Auge eine Flamme in Mitten des Kreises zehn Mal größer als im OMA-Ofen empor steigen. Jeder von uns hatte sich selbst durch sich selbst und jeden einzelnen von uns bereichert. Eine Vision, die für mich ein Stück Wirklichkeit wurde, wofür ich sehr dankbar bin. Wie immer gab es gratis Tee.

Foto: © Jakob Jurkošek
OMA – Other Music Academy 

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By IvanSobolew

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